Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon und weitere numismatische Belege more

SD aus JNG 60, 2010

Jahrbuch f. Numismatik u. Geldgeschichte 60, 2010 145 FLORIAN HAYMANN (Mtinchen) Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon und weitere numismatische Belege:;" Herrn Prof. Dr. Ruprecht Ziegler zum 65. Geburtstag Aigeai am Golf von Issos ist eine bislang nicht ergrabenc Stack, die in den vergangenen Jahrzehnten vor allem aufgrund ihrer reichen Miinzpra- gung, aber auch zahlreicher Rundaltare das Interesse der Gelehrten ge- weckt hat.1 Sie wird bereits von Theophrast erwahnt2 und weist friih eine makedonische Griindungslegende vor, so dass eine Griindung unter Anti- gonos Monophthalmos wahrscheinlich ist.3 Das ideale, natiirliche Hafen- becken diente in hellenistischer Zeit, vor allem jedoch in der hohen Kaiserzeit als Flottenstiitzpunkt: Aigeai war ein Briickenkopf nach Syrien, insbesondere zum nahegelegenen Seleukeia in Pierien. Daneben entwik- kelte sich die Stadt aufgrund ihres Asklepioskults im Laufe der Kaiserzeit zu einem religiosen, philosophischen Zentrum und Kurort Siidkleinasiens. * Fur zahlreiche Hinweise und Korrekturen danke ich dem Betreuer meiner Dissertation, Prof. Dr. Johannes Nolle, ganz herzlich. Fur etwaige Fehler ubernehme allein ich die Verantwortung. Auch weifi ich PD Dr. Kay Ehling, der den AnstoK zu diesem Beitrag gab, Dank. Die grofiztigige Unterstiitzung der Gerda Henkel Stiftung erleichtert meine Bemuhungen urn die Stadtgeschichte von Aigeai erheblich. Fur die Bereitstellung von Photos und die Erlaubnis zur Publikation danke ich: PD Dr. Kay Ehling und Nicolai Kastner (Staatliche Miinzsammlung Mtinchen), Dmitry Markov (New York), Dr. Uta Wartenberg und Dr. Elena Stolyarik (American Numismatic Society, New York), Prof. Dr. Bernhard Weisser (Miinzkabinett der Staatlichen Museen, Berlin), den Photographen Liibke & Wiedemann (Stuttgart) und besonders lie. phil. Benedikt Zach und Dr. Ulrich Werz, dass sie mir Einsicht gewahrten in die Abgusssammlung des Munzkabinetts Win- terthur. Schliefilich sei Matthias Barth (Staatliche Miinzsammlung Miinchen) fur seine Hinweise gedankt. 1 Hervorzuheben sind vor allem die folgenden Arbeiten: Bloesch 1965, 1989; Robert 1973, 1977; ders., Retour a Aigeai de Cilicie, JS 1978, S. 145-150 (ND Opera minora selecta, Bd. 7, Amsterdam 1990, S. 277-282); Weifi 1982; Ziegler 1977; 1985, passim; 1994, 2003, 2005. 2 Der Text tritt stets als Anhangsel von FIeqL or\\.i£i(nv u&thwv xal Jtveujidxcov (kurz: De signis) auf. Die jiingste Edition bieten C. W. Brunschon - D. Sider (Hrsg.), Theophrastus of Eresus. On weather signs, Leiden 2007 (Philosophia antiqua 104), S. 221-226 (= 973 Bekker = fr. 363 Gi; den Hinweis auf dieses wichtige Buch verdanke ich Raphael Bren- del). Zur Einordnung des Textes in die Zeit Theophrasts aufgrund von „form, style, purpose and vocabulary" ebd. S.4ff. und S. 12-13, bes. S.42-43, S. 176. 3 Anfangs des 2. Jahrhunderts v. Chr. pragt die Stadt den Kopf des Bukephalos auf Miinzen; der aus dem Alexanderroman bekannte Griindungsmythos lasst sich bis ins 1. Jahrhun- dert v. Chr. zuriickverfolgen. Zur makedonischen Siedlungspolitik in Kilikien s. Diod. 17, 64, 5; 19, 58, 1-4; Diod. 20, 19, 3-5 und 47, 1. Eine ausfuhrliche Begriindung beabsichtige ich in meiner Dissertation zu liefern. 146 Florian Haymann An dieser Stelle soil nun eine neue Silbermunze vorgestellt werden. Sie allein vermag wenig Neues zu lief em, kann jedoch in Verbindung mit weiteren Quellen die Stadtgeschichte in einer fur das 3. Jahrhundert entscheidenden Phase neu beleuchten. 1. Aigeai und die Severer Das Nahverhaltnis der Aigeaten zum Kaiserhaus der Severer ist bereits von Peter Weift und Ruprecht Ziegler behandelt worden und soli hier in aller Kiirze mit weiteren numismatischen Notizen umrissen werden.4 Offenbar stand Aigeai auf der Seite von Septimius Severus, als dieser Pescennius Niger im Marz 193 in Issos schlug. Nur so lasst sich die umfangreiche Pragung von Grofibronzen erklaren, die die Stadt 193/194 emittierte, denn andernfalls hatte die strategisch wichtige Hafenstadt emp- findliche Strafen davongetragen.5 Diese Munzen tragen keine Siegessym- bolik, sondern zeigen vorwiegend die Biisten der Heilgotter Asklepios, Hygieia sowie die von Sarapis und Isis. Nach diesem Pragejahr ruhte die Miinzpragung in Aigeai, um erst wieder einzusetzen, als Septimius Severus im Jahr 198 in den Osten zuriickkehrte. Im Jahr 201/202 pragte die Stadt ein bemerkenswertes Rtickseitenmotiv: Es zeigt Caracalla, der von hinten an die sitzende Stadtgottin herantritt, um sie zu bekranzen (Abb. 2).6 Zweifellos verweist das Bild auf eine Euergesie von Seiten des zehnjah- rigen Augustus bzw. des Kaiserhauses. Dass Caracalla zu einigen Stadten der Pedias, namentlich Aigeai, Anazarbos und Tarsos, eine besonders enge Verbindung gehabt haben muss, legen die Munzen dieser Stadte nahe, die zwischen 200 und 202 gepragt wurden, als das Kaiserhaus in Syrien war.7 Die drei bedeutendsten kilikischen Stadte emittierten Geldstiicke, deren Vorderseiten die gegenstandigen Brustbilder von Caracalla und Plautilla trugen.8 Eine Bronze aus Aigeai, die wahrscheinlich ins Jahr 202 datiert, 4 Weifi 1982, S. 197-198; Ziegler 1993, passim; ders. 2003. 5 Septimius Severus bestrafte mit Antiocheia und Byzantion Stadte, die ihm Untersiitzung versagt oder sich offen gegen ihn gestellt hatten, s. A. R. Birley, Septimius Severus. The African Emperor, London 1999, passim. 6 Aufgrund der Erhaltung des Stiicks ist eine Lesung der Jahreszahl unmoglich. Aufgrund der Stempelgleichheit mit Abb. 1 muss die Miinze jedoch in engem Zusammenhang mit jenem Exemplar gepragt worden sein, wahrscheinlich im gleichen Jahr. 7 Halfmann 1986, S.218. 8 Zur Angleichung der Kaiserin an Demeter vermittels eines Schleiers s. Ziegler 1993, S. 112. Bemerkenswert ist die relative Seltenheit von Munzen mit Plautilla in Kleinasien im Vergleich zu den genannten kilikischen Stadten. Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 147 zeigt die personifizierte Hoffnung, Elpis, womit die Miinze als eine Hoch- zeitspragung verstanden werden kann (Abb. 3).9 Ebenso mit dem Aufent- halt der Severer im Osten stehen Grofibronzen mit Galeerenabbildungen in Verbindung, die ins Jahr 200/201 datiert und mit der Legende CGVHPIANCON versehen sind.10 Dieses Motiv kommt auch in den Jahren 213-215 wieder auf, wo es in Verbindung mit den Vorbereitungen zu Caracallas Partherfeldzug steht. Neben der militarischen Bedeutung des Hafens und der Anziehungskraft, die das Asklepieion besonders auf Ca- racalla ausgeiibt haben mag (dazu unten), durfte ein weiterer Aspekt fur die Severer von Bedeutung gewesen sein: Apollonios von Tyana ver- brachte etliche Jahre des 1. Jahrhunderts in dem Hafenort. DieVerehrung dieses Wundermannes durch das Haus der Severer ist vielfach belegt.11 Abb. 1 Bronze, Aigeai, Jahr 201/202, 21,17 g Vs.: C[6]B[- -] A - NTQN6INOC; drapierte Biiste des Caracalla mit Lorbeer- kranz nach rechts. Rs.: CeVHPIAN(wv) [- -] AirAI(cbv) [- -]; Athena frontal stehend, den Kopf nach links gewandt, eine Nike auf ihrer Hand reicht ihr einen Kranz; im Feld: HM? (Jahr 248). 9 Die Heirat erfolgte im April 202 in Rom, D. Kienast, Romische Kaisertabelle. Grund- ziige einer romischen Kaiserchronologie, Darmstadt 1996, S. 156-163. Noch im Januar hatten Septimius Severus und sein Sohn gemeinsam das Konsulat in Antiocheia ange- treten. F. Rebuffat, Une monnaie de Plautilla a Aegae de Cilicie, BSFN 46, 1991, S. 102- 105, publizierte eine Bronze der Plautilla, die auf der Ruckseite Ekklesia zeigt (SNG Levante Suppl. 405). Ziegler 1993, S. 112 Anm. 283 korrigiert die Datierung der Miinze auf Mai-Oktober 202. 10 SNG Levante 1736 (SNG Aulock 5454); auf dem Schiff befinden sich signa. Ebenso wurde im Jahr 200/201 eine GrolSbronze mit einer Ziege auf der Ruckseite gepragt: SNG Pfalz 62. " S.Anm. 15. 148 Florian Haymann Abb. 2 Bronze, Aigeai, wahrscheinlich Jahr 201/202, 21,59 g, Stempelstellung 6 h Vs.: C[6]B[- -] A - NTQNGINOC; drapierte Biiste des Caracalla mit Lorbeer- kranz nach rechts. Rs.: Stadtgottin auf Fels sitzend, bekranzt von Kaiser, zu ihren Fiifien Flussgott. Vs. stgl. Abb. 1 Abb. 3 Bronze, Aigeai, vermutlich Jahr 201/202, 21,85 g, Stempelstellung 5 h Vs.: [- - ANTQN6]IN0N CeB(aatov) OOVA((3iav) riAAVTIAAA(v) / CGB; gegenstandige Biisten des Caracalla (links) und der Plautilla. Oben im Feld Gegenstempel einer Nike (oben) und einer Biiste (links). Rs.: [- - A]AP(iava)v) [Air]AIWN €TO(us) Elpis mit Bliite zwischen zwei Fingern stehend nach links, mit der Linken das Kleid luftend. Gegenstempel mit Biiste. 2. Caracallas Wege von 215-216 Um zu klaren, zu welchem Zeitpunkt Caracalla Aigeai besucht haben kann, sei der Blick auf sein Itinerar zwischen April 215 und Sommer 216 gerichtet. Die literarischen Quellen lassen einige sichere Aussagen zum Reiseverlauf zu, die sich wiederum durch weitere Zeugnisse erganzen lassen. Dio12 berichtet vom Aufbruch des Kaisers in Nikomedeia im 12 Zur Zuverlassigkeit von Dios Caracalla-Vita s. F. Millar, A study of Cassius Dio, Oxford 1964, S. 150-160, der hinter vielen Schilderungen Dios die Verachtung des Senators sieht. Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 149 Fruhjahr 215, wo er noch seinen Geburtstag (4. April) gefeiert hatte.13 Nach Dio und Herodian war sein Ziel Antiocheia; von dort aus wollte er noch im sclben Jahr gegen die Parther marschieren.14 Er passierte die grofie, quer durch Kleinasien verlaufende HeerstralSe deshalb ziigig. Eine gut belegte Etappe war Tyana, die letzte grofie Stadt vor den Kilikischen Toren.15 Die nachste gesicherte Station des vom Kaiser angefiihrten Hee- res war die Hauptstadt Kilikiens, Tarsos, das vielleicht im Juni erreicht wurde.16 Auch Aigeai wird von Numismatikern, die sich mit diesem Thema beschaftigt haben, unter die sicheren Aufenthalte Caracallas in Kilikien in diesem Jahr gezahlt.17 Nachweisbar sind fur diese Stadt aller- Fiir Xiphilinos, dem wir den Grofkeil der Informationen verdanken, gilt fur Caracalla, dass er ..exceptionally inadequate" ist (Millar S. 155). 13 Cass. Dio (Xiph.) 78, 19, 3 [Boissevain 77, 19, 3]. 14 Herodian 4, 8, 3 nennt zudem die Provinzen Asia und Bithynia als Stationen. Nach Dio (Xiph.) 78 [77], 19, 1 diente ihm die Forderung nach Auslieferung eines Adeligen namens Tiridates sowie eines kilikischen Philosophen namens Antiochos als Kriegsvorwand. Vielleicht handelt es sich bei diesem Philosophen, der offenbar zuvor in hohen Ehren bei den Severern gestanden hatte, um einen Verwandten des P. Anteios Antiochos, Philostrats Antiochos von Aigeai (s. Anm. 46). Verbindungen lassen sich nicht nach- weisen. 15 A. Johnston, Caracalla's path: the numismatic evidence, Historia 32, 1983, S. 58-76, hier S. 70, liefert zahlreiche Indizien. Tyana pragte Miinzen mit romischen Feldzeichen (SNG Aulock 6550) und pragte unter Caracalla nur in seinem 16. Regierungsjahr Miinzen, was dem Jahr des Aufenthaltes in Kleinasien entspricht. Bemerkenswert ist ebenfalls eine Bronze mit Asklepios und Hygieia (SNG Aulock 6547). Am wichtigsten ist freilich das Argument, dass Tyana unter Caracalla zur Kolonie erhoben wurde, vgl. hierzu RE 7 A, Stuttgart 1948, Sp. 1639 s. v. Tyana (W. Ruge). Die Ehrung der Stadt konnte ihren Ausgangspunkt in der Verehrung des Apollonios durch die Severer gehabt haben (D. Berges - J. Nolle, Tyana. Archaologisch-historische Untersuchungen zum sudwestlichen Kappadokien, Bd. 2, Bonn 2000 [Inschriften griechischer Stadte aus Kleinasien 55, 2], S.496ff.). Das von Cass. Dio (Xiph.) 78 [77], 18, 4 erwahnte Heroon fur Apollonios wurde wohl in Tyana errichtet. Philostrat, der von Caracallas Mutter Iulia Domna mit der Niederschrift einer Apollonios-Vita beauftragt worden war (Philostr. Vita Apoll. 1, 3), erwahnt (8, 31) teoa Tuavaoe, die auf kaiserliche Kosten errichtet wurden. 16 Ziegler 1977, S. 46 belegt eine Getreidespende durch Caracalla, der dazu das Amt des Demiurgen, des hochsten stadtischen Beamten, ubernahm. Er vermutet (Die ,Historia Apollonii Regis Tyri' und der Kaiserkult in Tarsos, Chiron 14, 1984, S. 219-234, hier S. 222 ff.) einen langeren Aufenthalt. Tarsos pragte eine sehr grofie Menge an Bronze- und auch Silbermiinzen (z.B. SNG Levante 1032-1071). Unter Macrinus lief die Produktion der Didrachmen aus Silber weiter. Zum Aufenthalt in Tarsos zuletzt Ziegler 2003. 17 So Robert 1973, S. 199, zustimmend zu Bloesch 1965. Ebenso Ziegler 1985, S. 81-82 Anm. 102; T. S.Scheer, Mythische Vorvater. Zur Bedeutung griechischer Heroenmythen im Selbstverstandnis kleinasiatischer Stadte, Miinchen 1993 (Miinchener Arbeiten zur Alten Geschichte 7), S.281; K. W. Harl, Civic coins and civic politics in the Roman East A. D. 180-275, Berkeley 1987 (The transformation of the classical heritage 12), S. 59 und J. Nolle, Caracallas Kur in Pergamon - Krankheit und Heilung eines romischen Kaisers im Spiegel der Miinzen, AW 34, 2003, S.409^17, hierS.416. Halfmann 1986, S.224-227 folgt in seiner Ablehnung von Aigeai als Aufenthaltsort allein Johnston (s. Anm. 15), S. 74 Nr. 67, die jedoch in ihrem Furor gegen Barbara Levick nahezu alle numismatischen 150 Florian Haymann dings nur Durchziige der Truppen und nautische Aktivitaten.'8 Auch fiir Besuche weiterer Stadte des Ebenen Kilikiens gibt es kaum sichere An- haltspunkte.19 Schliefilich gelangte Caracalla mit seinem Gefolge nach Antiocheia. Mit gutem Grund darf dort ein langerer Stopp angenommen werden, zumal Caracalla Kriegsvorbereitungen treffen liefi, die erst nach Erloschen seines Zeugnisse ablehnt und zudem die fiir ihre Fragestellung interessanten Miinzen von Aigeai nicht kennt. Zudem gesteht Halfmann, sich auf Konrad Krafts Thesen stiitzend, den Miinzen einen zu geringen Quellenwert zu. Eine Nachricht bei Cass. Dio (Xiph.) 79 [78], 39, 3 iiber die Flucht des Macrinus 218 aus Antiocheia belegt, dass die Asklepios- stadt auf dem Weg von Tarsos nach Antiocheia nur iiber Umwege zu meiden ist: Kcd outo) |i£t' oXiycov eg Alyag tfj; Kdudag eXQdtv, oxrinctxcov xe Evxcu36a <hg xai axoa- xicbxnc, xig xd>v &YYE>aa4>6QU)v tov EJtifjri. - „So gelangte er mit nur wenigen Begleitern nach Aigai in Kilikien, und dort bestieg er unter Vorgabe, ein als Kurier reisender Soldat zu sein, einen Wagen Zu Macrinus in Aigeai: A. Dupont-Sommer - L. Robert, La deesse de Hierapolis Castabala (Cilicie), Paris 1964 (Bibliotheque archeologique et historique de l'lnstitut Francois d'Archeologie d'Istanbul 16), S. 78 Anm. 8. 18 Die Grabinschrift eines Soldaten der II Parthica Antoniniana aus Apameia bestatigt, dass die Fufkruppen iiber Aigeai nach Syrien gelangten. Der titulus wurde fiir einen Vivius Bato angefertigt, der 215 Aegeas starb und Catabolo begraben wurde. Die Datierung lasst sich mit hoher Sicherheit dem Beinamen der Legion entnehmen, den diese allein wahrend des Partherkriegs Caracallas fiihrte. Die jungste Edition: J. Ch. Baity - W. van Rengen, Apamea in Syria. The winter quarters of Legio II Parthica. Roman gravestones from the military cemetery, Briissel 1993, S.23, Taf. 2. Die Autoren behaupten dort, dass die in Nikomedeia in Auftrag gegebenen Belagerungsmaschinen (Cass. Dio 78 [77], 18, 1) im Hafen von Aigeai entladen wurden und sich das Heer dort sammelte. Diese Behauptung erscheint mir zwar nicht vollig grundlos, und sicher ist, dass Aigeai im Jahr 215 einen grofien Wert fiir die Heereslogistik hatte. Dennoch bleiben die Autoren einen Beleg fiir ihre Vermutung schuldig, wenn auch aufier Seleukeia in Pierien kein anderer Zielhafen fiir die nikomedeischen Kriegsmaschinen in Frage kommt. Jedoch ist - nicht zuletzt aufgrund der in Seleukeia nach einer Unterbrechung von mindestens 200 Jahren ein- setzenden Tetradrachmenpragung (Prieur 2000, S. 139) - zu fragen, weshalb nicht dieser Ort Sammelpunkt fiir das Heer gewesen sein soil, zumal er auf dem Weg in die Garni- sonsstadt der II Parthica, Apameia, giinstiger lag. Die haufigen Bronzen mit Galeeren- motiv aus dem Jahr 261 (= 214/215 n. Chr.) bekraftigen die manifeste Verbindung Aigeais mit Truppenbewegungen bzw. der Nachschubversorgung (SNG Levante 1739, 1740; vgl. R. Ziegler, Miinzen Kilikiens aus kleineren deutschen Sammlungen, Miinchen 1989 [Vestigia 42], Nr. 1383, 1384). 19 Anazarbos: Die Grabsteine der equites singulares Augusti (IvAnazarbos S. 68-69 Nr. 66), die gelegentlich als Beleg fiir die Prasenz Caracallas im Jahr 215 herangezogen werden, lassen sich nicht hinreichend datieren und konnen ebenso aus friiheren oder spateren Jahren stammen. Auch die Ehreninschrift fiir Caracalla aus Hierapolis-Kastabala, M. Sayar - P. Siewert - H. Taeuber - J. Russell, Inschriften aus Hierapolis-Kastabala. Bericht iiber eine Reise nach Ost-Kilikien, Wien 1989 (Osterreichische Akademie der Wissen- schaften, Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte 547), S. 10ff., erfordert nicht zwingend die Prasenz des Kaisers. Siewerts Begriindung, Caracalla sei auf Alexan- ders Spuren nach Hierapolis (und auch Anazarbos) gekommen, greift nicht, da Alexan- der niemals dort war, sondern iiber Mallos entlang des Golfs nach Issos marschierte. Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 151 Kriegsvorwandes abgebrochen wurden.20 Am 24. November 215 ist Ca- racalla im agyptischen Pelousion greifbar.21 Von Dezember 215 bis Marz scheint Caracalla in Alexandreia gewesen zu sein.22 Ende Mai lasst ihn eine Inschrift in Antiocheia vermuten, das den Ausgangspunkt seines Parther- feldzugs darstellte.23 2.1. Caracalla und die Heilgotter Caracalla hatte bereits 213 versucht, im heutigen Faimingen (Phoebiana) beim keltischen Apollon Grannus eine Heilung von seinem ratselhaften Leiden zu erreichen.24 Ebenso hinterliefi er seine Spuren im Heilbad von Baden-Baden.25 Aus gleichem Grande besuchte er 214 das Asklepieion von Pergamon, wo sein Leiden - nach allem, was die lokalen und reichs- romischen Miinzbilder verraten - erheblich gelindert, wenn nicht sogar geheilt wurde.26 Dass er dennoch den Heilgottern eng verbunden blieb, belegt sein langer Aufenthalt im Heiligtum des alexandrinischen Serapis. Vor diesem Hintergrund erscheint es unmoglich, dass Caracalla einen Besuch beim kilikischen Asklepios unterlassen hatte, zumal Aigeai von Antiocheia aus, seinem Etappenort und Ausgangspunkt fur den Parther- zug, schnell erreichbar war.27 Die Frage ist allerdings, wann Caracalla dort war. Zwar sind aus Aigeai Altare bekannt, die - neben anderen Kaisern und Gottern - auch eine Weihung an Caracalla tragen, doch lassen diese keine Ruckschlusse auf 20 Spatestens bei diesem Besuch wurde Antiocheia zur Kolonie erhoben: Dig. 50, 15, 8, 5, vgl. HA Carac. 1, 7. Zum Abbruch des Krieges (aufgrund der Auslieferung des Tiridates und Antiochos) und Entsendung des Theokrit nach Armenien: Cass. Dio (Xiph.) 78 [77], 21. Herodian 4, 8, 6, der hier weitgehend aus Dio schopft, berichtet, dass Caracalla einige Zeit in Antiocheia verbrachte: Siaxohjiag %qo\ov tivoc,. 21 P. Oxy. 3602 (24. November 215). 22 Cass. Dio (Xiph.) 78 [77], 22-23 berichtet von den Greueltaten an der Bevolkerung sowie davon, dass Caracalla sein Mordschwert dem Serapis opferte (79 [78], 7, 4); Herod. 4, 8, 6ff.; HA Carac. 6, 2-3; Epit. de Caes. 11, 4; P. Oxy. 3090 (Feb./Marz 216; der Heraus- geber der Inschrift warnt davor, dem Datum zuviel Bedeutung beizumessen; Halfmann 1986, S. 223 halt den Einwand fur unnotig). 23 AE 1947, 182 (SEG 17, 1960, 759), 27. Mai 216. Cass. Dio (Xiph.) 79 [78], 7, 1. 24 Cass. Dio (Xiph.) 78 [77], 15, 2-7; IvEph 802; CIL III 5871, 5873, 5874, 5876. Zur Art dieses Leidens s. J. Nolle, Die Krankheit des Kaisers Caracalla, Miinzen Revue 28, 1996, 5, S. 26-33. 25 CIL XIII 2, 1, p. 197: Ausstattung mit weifien Marmortafeln und Wiederherstellung der Bader. 26 Besuch Pergamons: Herod. 4, 8, 3. Hinweise auf eine Heilung anhand reichs- und provinzialromischer Miinzbilder: Nolle (s. Anm. 17); U. Kampmann, Asklepios mit Omphalos in der romischen Reichspragung. Zu einem Beispiel der Beeinflussung der Reichspragung durch Lokalmiinzen, JNG 42/43, 1992/1993 (1994), S. 39^18. 27 Selbst Stadte, die iiber keinen bekannten Asklepioskult verfiigten, fiihlten sich bemufsigt, Asklepieia abzuhalten, s. J. und L. Robert, Bull, epigr. 1967, S. 116 fur Ankyra und Laodikeia am Lykos. 152 Florian Haymann unsere Fragestellung zu.28 In diesem Zusammenhang ist eine Gruppe von Silberpragungen zu beachten, die bereits haufig als Beleg fur einen Kaiser- besuch angefiihrt wurden. Diese Gruppe soil zunachst um zwei weitere Stiicke erganzt und dann nochmals betrachtet werden. 3. Ein neues Tetradrachmon Im Januar 2007 stand in New York ein Tetradrachmon29 zum Verkauf, das seitdem von der Fachwelt unberiicksichtigt geblieben ist (Abb. 4). Der Vorderseitenstempel verbindet die Miinze mit einer kleinen, aufierst selte- nen Serie von Billon-Tetradrachma,30 die Aigeai unter Caracalla emit- tierte.31 28 An Dionysos Kallikarpos und Demeter Karpotrophos oder Demeter Karpophoros sowie Caracalla und Iulia Domna (209-217): Robert 1973, S. 167-168; IdC S. 123; Sayar 2004, S. 252-253 Nr. 69. An Asklepios und Hvgieia und das Kaiserhaus der Gordiane und Severer (238): Weift 1982, S. 192 ff., Taf. 3 und 4; SEG 32, 1982, 1312; Sayar 2004, S.255 Nr. 74. An Dionvsos Kallikarpos und Demeter Karpotrophos und Septimius Severus und Caracalla: IdC S. 121-124 Nr. 78, Taf. 32; SEG 37, 1987 (1990), 1248; Sayar 2004, S.250- 251 Nr. 65. 29 Die Gewichte der nun bekannten Exemplare dieser Billon-Tetradrachma lassen kaum eine Vermutung iiber den angestrebten Miinzfufi zu: 9,65 g (ANS); 10,67 g (Winterthur); 11,8 g (vorliegendes Expl.); 12,01 g (British Museum = Auktion Kastner 4, 27.11.1973, Nr. 165, don mit 11,98 g); 13,31 g (SNG Levante 1741). Die Schwankungen sind zu hoch, als dass sich ein Zielgewicht ermitteln liefte. Die bisher vorliegenden Gewichte lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass die Miinzen mit den syrischen Tetradrach- men der Jahre 215-217, die etwa 13,4 g wogen (E. Schlosser, Weights of the tetradrachms of Antioch from Augustus to Trebonianus Gallus, in: B. Kluge - B. Weisser [Hrsg.], XII. Internationaler Numismatischer Kongress, Berlin 1997. Akten - Proceedings - Actes, Bd. 1, Berlin 2000, S. 724-727, hier S. 725-726, ermittelt fur die Ausgaben von Septimius Severus bis Caracalla ein Durchschnittsgewicht von 13,29 g und ein Zielgewicht von 13,44 g), kompatibel waren. Zum Verhaltnis der tarsischen Silberpragungen und der Einfiihrung von Antoninianen siehe M. Amandry, Decouverte a Vendeuil-Caply d'une monnaie de Caracalla f rappee a Tarse, BSFN 38, 1983, S. 295-299. Diese Miinzen wurden offensichtlich als Soldzahlungen genutzt und enthielten zwischen 25 und 30% Silber. 50 Die Legierung der bekannten Exemplare scheint im Vergleich zu den zeitgleich emittier- ten Tetradrachma Syriens deutlich schlechter zu sein. Diese Beobachtung verdanke ich Michel Prieur, Paris. Es handelt sich wohl um eine iiberbewertete Stadtwahrung, die aufierhalb der Stadtgrenzen ihren Wert verlor. Das Exemplar im British Museum wurde metallurgisch analysiert. Es wurden 34,8 % Silber gemessen, was aufgrund der oberflach- lichen Messung (es wurde nur der Rand angeschliffen) wohl ein zu hoher Wert ist. Zur Problematik der RFA-Analyse zuletzt: B. Woytek - K. Uhlir - M. Alram - M. Schreiner - M. Griesser, The denarius under Trajan: New metallurgical analvses, NC 167, 2007, S. 147-163, Taf. 23-28. 51 Bloesch 1965 beschreibt das Winterthurer Exemplar. Die Miinze zeigt auf der Riickseite den stehenden Asklepios und Telesphoros. SNG Levante 1741 hat einen anderen Vorder- seitenstempel mit der gleichen Legende und einer vollig neuen Riickseite (s. u.). Das Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 153 Abb. 4 Billon-Tetradrachmon, Aigeai, Jahr 216/217, 11,8 g Vs.: Brustbild dcs Asklepios nach rechts. Rs.: Asklepiostempel. Das Tetradrachmon zeigt auf der Vorderseite das Brustbild eines alteren, bartigen Mannes mit langem, gewelltem Haar, das von einem Band geord- net wird.32 Uber dem Mantelchen, das die linke Schulter bedeckt, befindet sich ein Schlangenstab. Es handelt sich also um Asklepios, dessen Bild die Legende AIDSAIQN ANTQNeiNOVnOAGQC - ..(Miinze) der Anto- ninusstadt der Aigeaten" umrahmt. Mochte man diese Kategorie gelten lassen, so liegt hier eine quasiautonome Mtinzpragung vor, die kein Kai- serbild tragt.33 Dieses Miinzbild hat mehrfach das Interesse der Forschung geweckt, da es die besondere Verbindung zwischen dem Haus der Severer und der Hafenstadt Aigeai zu beleuchten vermag.34 Die zu besprechende Miinze verbindet diesen altbekannten Vordersei- tenstempel mit einem neuen Riickseitenstempel, dessen Gravur sich wie folgt gestaltet: Achtsauliger Podiumstempel auf zweistufiger Krepis, im Giebel ein Adler, darauf drei Akroterfiguren,35 im Naiskos Asklepios im Exemplar im British Museum zeigt einen dritten Vorderseitenstempel und einen zweiten Riickseitenstempel des Typs „Asklepios mit Telesphoros". 32 In der Frisur sieht Bloesch 1965, S. 310 einen Ankniipfungspunkt an Caracallas imitatio Alexandri. Er halt es aufgrund der auffallend langen Haare fur wahrscheinlich, dass sich den antiken Benutzern der Miinze eine Verbindung zwischen Asklepios, Alexander und Caracalla offenbarte. Dagegen ist zu halten, dass das Bildnis, so wie es ist, ganz klar einem „Grundtypus" (P. Kranz) folgt: dem des sogenannten Asklepios Amelung. Dabei handelt es sich um das pergamenische Kultbild des Heilgottes, das unter Hadrian entstanden war. Charakteristisch ist das lange Haar, das seitlich von welligen Strahnen gegliedert wird (zu Identifizierung und Genese: P. Kranz, Pergameus Deus. Archaologi- sche und numismatische Studien zu den Darstellungen des Asklepios in Pergamon wahrend Hellenismus und Kaiserzeit mit einem Exkurs zur Uberlieferung statuarischer Bildwerke in der Antike, Mohnesee 2004, bes. S. 81-88). Diesem Typus folgt auch das Bild auf der Riickseite. 33 Vgl. die Bemerkung in RPC I S. 41. 34 Bloesch 1965; Robert 1973, S. 183-200; Weifi 1982, S. 197-203; Ziegler 1994; ders., Asklepioskult und Kaiserkult im kilikischen Aigeai um die Mitte des 3. Jahrhunderts n.Chr., Olba 7, 2003, S. 205-217. 35 Die Miinze lasst kein Urteil uber die Art dieser Figuren zu. Mit dem zuletzt bei J. W. Riethmiiller, Asklepios. Heiligtiimer und Kulte, Bd. 1, Heidelberg 2005 (Studien zu 154 Florian Haymann Hiiftmantel stehend, links neben ihm ein Schlangenstab, im Abschnitt eine rechtshin liegende Ziege. Legende: MAKGAONIKHC niCTHC • 0GOOIAO; im Feld die Jahresangabe TEC (263, also November 216 bis April 217).36 Die Ruckseitendarstellung schliefk sie sich an die bekannten Miinzdar- stellungen unter Caracalla an und vervollstandigt die nun bekannten Te- tradrachma zu einer Serie, deren Thema einzig und allein Asklepios ist. Bislang jedoch waren fur den Riickseitentyp ,Asklepios mit Telesphoros', der zwischen November 215 und November 216 gepragt wurde, zwei verschiedene Riickseitenlegenden bekannt: GTOVC AGVTGPOV GEHKOCTOV AIAKOCIOCTOV37 sowie MAKGAONIKHC GV- rGNOVC. Der Asklepiostempel begegnet unter Caracalla erstmals38 auf den Miinzen der Stadt, wahrend andere Stadte des Ebenen Kilikiens ihre wichtigsten Tempel teils schon unter Hadrian zeigten.39 Schliefilich existiert noch ein fiinftes Tetradrachmon, das Hansjorg Bloesch in den 1970er Jahren bekannt wurde, aber noch unzureichend publiziert ist (Abb. 5).40 Es handelt sich um ein 9,65 g schweres Billon- stuck, dessen Vorderseite abermals den bartigen Kopf des Asklepios tragt. Die Riickseite zeigt einen achtsauligen Podiumstempel, in dem Asklepios steht. Vom Jahr ist nur noch das Sigma erkennbar (rechts des Tempels). Die Reverslegende endet ebenfalls auf 0GOOI, ist jedoch anders aufgeteilt als beim vorgenannten Exemplar. Der Aversstempel ist ebenfalls ein an- antiken Heiligtiimern 2, 1), S. 298-301 beschriebenen beriihmten Giebelschmuck des Tempels von Epidauros scheinen sie wenig gemein zu haben. 36 Zur Ara zuletzt Bloesch 1989, S. 11-22. Zum Sterbetag Caracallas s. Kienast (s. Anm. 9), S. 163. 37 Bloesch 1965, S. 308 sieht mit Recht in der ungewohnlichen Ausschreibung des Datums eine Hervorhebung des Zeitpunkts eines besonderen Ereignisses. In seinem Aufsatz ist ihm jedoch die Chronologie der lokalen Zeitrechnung durcheinander geraten, siehe dens. 1989, S. 11. 38 Moglich ist, dass bereits unter Commodus Miinzen mit dem Asklepieion gepragt wur- den. Ein Stuck, das dies scheinbar bestatigt, wurde bei Gorny & Mosch 113, 18.10.2001, Nr. 5504 versteigert. Trotz der guten Photographie ist eine sichere Lesung der Legende nicht moglich. Dem Portrat nach erscheint mir das Snick nicht zwingend aigeatisch. 39 Eine Bronze (SNG Levante 1743), die unter Caracalla im vorausgehenden Jahr (215/216) gepragt wurde, zeigt das Asklepieion in ganz ahnlicher Weise, jedoch befinden sich zwischen den Saulen Asklepios und Hygieia. Bei einem Besuch von Aigeai entdeckte Bloesch 1968 Architekturfragmente, die er zu einem Asklepieion aus hadrianischer Zeit rekonstruierte (Bloesch 1989, S. 26-41). Weil? 1982 konnte zeigen, dass bereits Antoninus Pius gemeinsam mit Asklepios verehrt wurde. Somit ist es wahrscheinlich, dass in Aigeai die Kaiser seit hadrianischer Zeit synnaoi des Heilgottes waren, was auch aufgrund verschiedener spatantiker Quellen angenommen werden darf (S. Schorndorfer, Offent- liche Bauten hadrianischer Zeit in Kleinasien. Archaologisch-historische Untersuchun- gen. Miinster 1997 [Charybdis 14], S. 203 Nr. 60 nennt die Zeugnisse). 40 Im Online-Katalog der ANS missverstandlich beschrieben („Mint: Aegeae?", ..Material: AE, silvered"). Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 155 derer. Obwohl die schlechte Erhaltung den Quellenwert dieser Miinze stark beschrankt, erscheint mir das Snick als Memento, die Serie der Caracalla-Tetradrachma nicht vorzeitig als vollstandig zu betrachten, vor- ziiglich geeignet.41 Abb. 5 Billon-Tetradrachmon, Aigeai, wohl zwischen Nov. 215 und April 217, 9,65 g, Stempelstellung 6 h Vs.: Brustbild des Asklepios nach rechts. Rs.: Asklepiostempel. 3.1. Neue Stadttitel von Caracalla Unter Caracalla begegnen in Aigeai zahlreiche neue Stadttitel auf den Miinzen. Seit 213/21442 nannte sich die Stadt ANTQNGINOVnOAIC. Der Ehrenname einer Antoninusstadt findet sich nur in Kilikien, wo ihn auch Tarsos und Adana fuhrten.43 Die Honoratioren der Stadt scheinen grofien Ehrgeiz darauf verwendet zu haben, einzigartige Beinamen zu ersinnen, die sie den Kaisern zur Bewilligung vorlegten.44 Besonders er- giebig war dieses Ansinnen offenbar bei Caracalla. Er war es, der - nach Auskunft der Miinzzeugnisse - den Aigeaten von romischer Seite aus bestatigte, dass sie wahre Makedonen sind, so dass fortan das Beiwort Maxe5ovixr| unter den Stadttiteln begegnet. Gegenuber dem dxXcde^civ- 5qo545 Caracalla diirfte dies auf keine grofien Hindernisse gestofien sein, zumal bereits ein Dokument vorlag, das eine Verwandtschaft mit Argos offiziell bezeugte.46 Eine bislang nur in einem Exemplar bekannte Bronze 41 Darauf deutet auch die Tatsache, dass von den funf bekannten Stiicken nur zwei aus dem gleichen Vorderseitenstempel geschlagen wurden. 42 SNG Levante 1738. 43 Tarsos: SNG Levante 1034 ff.; Adana: BMC 17. 44 Der wichtigste literarische Beleg fur die kaiserliche Bewilligung des Miinzrechts: Lu- kian., Alex. 58. Zum Gesandtschaftswesen griechischer Stadte und der Vergabepraxis von Titeln s. Harl (s. Anm. 17), S. 21-24. 45 Cass. Dio (Xiph.) 78 [77], 9, 1. 46 Die von Robert 1977, S. 119-132 gut veranschaulichte Reise des Rhetors P. Anteios Antiochos nach Argos, wo er dem Stadtrat beweisen konnte, dass Aigeai argivische Wurzeln hat, ist vielfach als Beispiel genutzt wurden, um Wesen und Art der Zweiten Sophistik zu illustrieren. Die Datierung der Mission dieses Antiochos von Aigeai, den 156 Florian Haymann zeigt den Kopf Alexanders des Grolkn - ein Verweis auf die Griindungs- geschichte.47 Neben dem Vorteil im standigen Konkurrenzkampf mit den anderen Stadten der Region diirfte ihre von offizieller Seite verbriefte makedoni- sche Abstammung den Aigeaten manifeste Privilegien eingebracht haben. Wie wir von Dio wissen, bevorzugte Caracalla Makedonen aufgrund seiner Alexanderverehrung in alien Lebensbereichen, vor allem aber im Militarischen. Wahrend seines Winterlagers 214/215 in Nikomedeia ver- wandte er viel Zeit darauf, eine makedonische Phalanx auszubilden, die er auch mit Spartanern verstarkte.48 Durch die Anerkennung der Aigeaten als Makedonen war es ihm moglich, diese Truppeneinheit durch lokale Re- krutierungen in Kilikien aufzustocken. Offenbar im Zuge der Bestatigung ihres Makedonentums gelang es den Vertretern der Stadt, den Kaiser von der euyeveia der Aigeaten zu iiber- zeugen, so dass von 215/216 an haufig das Epitheton eiiyevrig auf Miinzen zu lesen ist (bereits unter Macrinus oft zu E abgekiirzt).49 Auch der Titel morn, (ht.fida) lasst einen engen Bezug zur militarischen Bedeutung der Stadt erkennen. Man hatte sich offenbar zum rechten Zeitpunkt fur die Seite der Severer entschieden und die Feldziige der Jahre 198 und 201 mitgetragen. Vor allem auf letzteres, das Ertragen derTrup- pendurchzuge, ist ein derartiger Titel zu beziehen. Der Titel ehrte Aigeai als ov\i\iaxoc, der vergangenen Kriege. All diese Titel sind nicht allein wegen des vielbesprochenen Prestige- wettkampfs der kilikischen Stadte von Belang. In Verbindung mit ihnen stehen mit Sicherheit weitere Privilegien. Das veranschaulichen besonders die Miinzbilder, auf denen Caracalla die Stadtgottin von Aigeai bekranzt oder beschenkt (Abb. 2, 6). Gerade in der Alleinherrschaft Caracallas nahm der Abgabendruck massiv zu. Daher liegt die Vermutung nahe, dass unter der Bemiihung um den Nachweis des Makedonentums eine Strategic auch Philostrat (Vitae soph. 2, 4) beschreibt, hangt mafigeblich daran, wann man sein ephesisches Studium bei Dionysios von Milet ansetzt, der unter Hadrian in den Ritter- stand aufgenommen wurde, vgl. dazu J. und L. Robert, Bull, epigr. 1971, S. 574. Wenn man die Ausbildung des Rhetors in hadrianischer Zeit annimmt, diirfte er mit Sicherheit vor Beginn der Alleinherrschaft Caracallas gestorben sein. 47 Lindgren 1993, Nr. 755. 48 Cass. Dio (Xiph.) 78 [77], 7, 1; Herod. 4, 8, 2-3. 49 Der Titel wurde aufier von Aigeai nur von Nikaia in Bithynien gefuhrt, s. W. Leschhorn -P. R. Franke, Lexikon der Aufschriften auf griechischen Miinzen, Bd. 1: Geographische Begriffe, Gotter und Heroen, mythische Gestalten, Personlichkeiten, Titel und Beina- men, Agonistik, staatsrechtliche und pragerechtliche Formeln, bemerkenswerte Worter, Wien 2002 (Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse. Denkschriften 304; Veroffentlichungen der Numismatischen Kommission 37; Veroffentlichungen der Kleinasiatischen Kommission 13), S. 118. Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 157 hervorscheint, dem Abgabendruck zu entgehen.50 In gleicher Weise, wie Caracalla durch das Anhaufen fragwiirdiger Siegestitel sein aerarium um aurum coronarium bereicherte, steht hinter dem aigeatischen Titel die Absicht des Demos, derlei Abgaben zu vermeiden. 3.2. Ein weiterer, neuer Stadttitel Zunachst sei festgehalten, dass die Legende der Rikkseite als Fortset- zung der Vorderseiteninschrift gedacht ist: „(Miinze) der Aigeaten, der Antoninusstadt, der makedonischen, der treuen". Das dritte Wort, 0GOOIAO, muss zu 8eo(|>iAoijg erganzt werden, damit es mit den iibri- gen Epitheta kongruiert. Somit ist die vollstandige Legende mit folgendem Genitivattribut zu erganzen: „der von Gott geliebten". Zu erwahnen ist, dass es sich hierbei um das erste Vorkommen dieses einzigartigen Stadttitels handelt, er war zuvor nur von Miinzen des Ma- crinus bekannt, die freilich schon wenige Monate spater gepragt wurden.51 Hinter der GeocfuAoTng, dem Geliebtwerden von den Gottern, verbirgt sich die Vorstellung, von den Gottern bevorzugt und von ihnen reich beschenkt zu werden.52 Der Terminus gehorte zu den Topoi des Stadtelobs im 3. Jahrhundert. Dass er jedoch einer Stadt formell verliehen wurde, bezeugt einmal mehr die Bedeutung des Asklepioskults in Aigeai, denn nur der Heilgott kann - nach Auskunft des Miinzbildes - der Stadt diese besondere Gunst erwiesen haben. Damit sind es vier Titel, die Aigeai (die Antoninusstadt) unter Caracalla erstmals zeigt: Ma)te6ovixf|, juott|, et>Y£vfjg, 0eo(jnA,r|g.53 Diese Ehrungen, die freilich nichts kosteten, vergaben die Kaiser nicht ohne Grund. Sicher sollten sie dazu beitragen, die Unannehmlichkeiten und Note, die die Heeresdurchziige fur die Bevolkerung brachten, zu relativieren. Die expo- nierte Lage Aigeais als grenznaher Hafenstadt brachte sicherlich entbeh- rungsreiche Zeiten fur die Stadtbewohner mit sich. Auf der Seite des 50 Aufgrund der von Dio (Xiph.) 78 [77], 7-8 erwahnten Bevorzugung von Makedonen ist zu vermuten, dass eine Stadt, die von Caracalla als makedonisch anerkannt wurde, besondere Privilegien erhielt. Caracalla forderte mafilos „Kranze", ot£<|)dvoi tcov XQV- owv, also aurum coronarium, fur die von ihm gefeierten Triumphe (dazu Dio [Xiph.] 78 [77], 9, 1-6). 51 Leschhorn - Franke (s. Anm. 49), S. 139. 52 Menander Rhetor 361: Jiaoa tcov 6earv jtoXXuv ruyxdvEiv, s. dazu J. Nolle, Zu den Griindungstraditionen des thrakischen Hadrianopolis (Edirne), Chiron 39, 2009, S. 101- 161, hier S. 102 mit Anm. 3. 53 Vielleicht ist dieser Reihe auch der wichtige Titel der vauciQxig hinzuzufugen, s. unten. Schon Bloesch 1965, S. 308 notierte, dass Aigeai „beinamenfreudig" war. Nicht jedoch allein die Menge der Beinamen, die die Polis im Verlaufe des 3. Jahrhunderts anhaufte, sondern deren Einzigartigkeit stellt die Besonderheit dar. Sowohl das Epitheton 9eo4>i- Xr]c, als auch die Ehrennamen Asklepioupolis und Antoneinoupolis sind ohne Parallelen in der provinzialromischen Numismatik. 158 Florian Haymann stadtischen Prestiges gehorte Aigeai - sofern man ein solches Abstraktum in klangvollen Titeln messen mochte - jedoch zu den Kriegsgewinnlern. Doch warum genehmigte Caracalla es der Stadt, Edelmetall ohne sein Bildnis zu pragen? Die Eigenartigkeit dieser Stiicke ist bemerkenswert, und gerade hierin scheint mir der Beleg fur die kaiserliche Anwesenheit in dem Ort zu liegen. Einen Hinweis, weshalb der Kaiser dieses einmalige Privileg gewahrte, liefert Cassius Dio, der - freilich nicht ohne Spott54 - schreibt, dass Caracalla „behauptete, der frommste aller Menschen zu sein".55 Die Asklepios-Tetradrachmen erscheinen somit als eine Manife- station der Selbstinszenierung des Kaisers, der wegen seiner pietas - sei sie nun geheuchelt oder wirklich empfunden - dem Heilgott allein die Eh- rung durch eine Silbermiinzpragung gewahrte.56 Freilich geriet der Kaiser selbst dariiber nicht in Vergessenheit: Jede Miinze tragt schliefilich den Titel der Antoninusstadt an zweiter Stelle auf der Vorderseite. Eine der- artige Selbstdarstellung erzielt erst dann ihre voile Wirkung, wenn sie vor Ort erfolgt. Zweifellos belegen die ehrenvollen und aufiergewohnlichen Stadttitel und die Pragung in Edelmetall ein Nahverhaltnis zwischen Caracalla und der Stadt und lassen einen personlichen Besuch vermuten. Allerdings tragen auch die neu vorgestellten Stiicke nicht dazu bei, Aigeai als sichere Station des Itinerars Caracallas zu bestatigen, wie dies mittlerweile von zahlreichen Numismatikern als selbstverstandlich angenommen wird. Stets wird behauptet, dass Caracalla von den Kilikischen Toren nach Tarsos kam, wo er eine Zeitlang verweilte. Von dort aus sei er auf dem Weg nach Syrien iiber Aigeai gereist.57 Die Tetradrachma dienen stets als Beleg fur diese Hypothese. Warum jedoch tragen diese Miinzen die Da- tierung November 215 bis November 216? Hatte man nicht wenigstens eine kleine Emission dieser offensichtlich als Gedenkpragungen anzuse- henden Miinzen im Sommer 215 gepragt, in Anwesenheit des Kaisers? Freilich ist nicht auszuschliefkn, dass auch solche Stiicke irgendwann einmal auftauchen werden, doch die bislang bekannten Datierungen (No- vember 215 - April 217) schliefien es ja geradezu aus, dass diese Miinzen auf der Reise von Nikomedeia nach Antiocheia entstanden sind. Eine 54 Zur Haltung Dios gegeniiber „Tarautas" s. Millar (s. Anm. 12), S. 150-159. 55 Cass. Dio (Xiph.) 78 [77], 16, 1: liyuiv e-uoEPsoxaTog Jtdvtwv avSowjicov elvca. 56 Nach wie vor gilt das Recht auf eine stadtische Silberpragung mit Th. Mommsen (Romisches Staatsrecht, Bd. 3, 1, Leipzig 18873, ND Basel 1952, S.712 mit Anm. 8, mit Verweis auf das schlechte Silber der kilikischen Miinzen) als ein vom Kaiser verliehenes Privileg, vgl. P. Weifi, Auxe Perge. Beobachtungen zu einem bemerkenswerten stadti- schen Dokument des spaten 3. Jahrhunderts n.Chr., Chiron 21, 1991, S. 353-392, hier S. 381-383. Selbst das Recht zur Silberpragung liefert jedoch nicht den entscheidenden Beweis, dass Caracalla vor Ort dem Asklepios opferte - schliefilich pragte auch Seleukeia Silber, ohne dass fiir diese Stadt jemals ein adventus erwogen worden ware. 57 S.Anm. 17. Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrach mon 159 weitere, bislang nicht beachtete Miinze kann helfen, die Umstande des adventus zu erhellen. 4. Caracallas Landung in Aigeai Eine Grofibronze aus den Bestanden der ANS zeigt eine Szene, die nichts anderes als einen Kaiserbesuch darstellen kann: Abb. 6 Bronze, Aigeai, Jahr 215/216, 17,28 g, Stempelstellung 12 h Vs.: AYT K M AY CGOYHPOC ANTQNGINOC CGB; Buste Caracallas mit Lorbeerkranz, Panzer und Paludament nach rechts, von schrag hinten be- trachtet. Rs.: CGYHPIANQN AirAIQN ANTQN€INOYnOA€(t05), im Feld M(ax£- Sovixfjc;) E(i)yEvoC5) N(ccuaQxiooc;?)581 BSC; Kaiser59 in Feldtracht rechts mit Parazonium(?)60 stehend, den rechten Fufi auf ein Schiff gesetzt, dessen 58 Obere Querhaste eines II nicht erkennbar. Die Hasten scheinen unten miteinander verbunden zu sein. Der so entstehende Buchstabe ahnelt einem U, was freilich unmoglich ist. N bleibt als letzte Moglichkeit. Mit aller gebotenen Vorsicht schlage ich deshalb die Lesung als N und die Auflosung dieser Abkurzung zu vomocQxic; - Admiralsstadt - vor. Das fruheste bislang bekannte Zeugnis fur diesen Titel Aigeais stellt eine Bronze des Balbinus dar (SNG Levante 1779). Doch erscheint gerade unter den Severern das Riick- seitenmotiv einer Galeere (mit und ohne Mast, teils mit signa) so haufig, dass die Verbindung zur romischen Flotte sicher ist. 59 Bloesch zeigt sich bei der Beschreibung des Winterthurer Gipses unschliissig und lasst offen, ob es sich um Roma, Virtus oder den Kaiser handelt. Dass es sich um Roma handelt, widcrlegt die Darstellung der Roma auf Miinzen aus Aigeai und Mopsuhestia, wo sie jeweils einen Helm tragt. Das Vorkommen einer Virtus ware einmalig auf kiliki- schen Miinzen und wiirde ebenfalls die Helmtracht erfordern. Letztlich deutet vor allem die ausgepragte Muskulatur darauf hin, dass hier eine mannliche Person, also der Kaiser, gezeigt wird. Ich danke Dr. Wolfgang Fischer-Bossert und PD Dr. Kay Ehling fur ihre Bereitschaft, das Problem mit mir zu diskutieren. Die Verantwortung fur die Benennung der Figur ubernimmt allein der Autor. 60 Dass der Gegenstand in der Armbeuge des Kaisers nach unten hin konisch zulauft, lasst zunachst an seiner Identifizierung als Parazonium zweifeln. Doch kann es sich aufgrund der zahlreichen ikonographischen Parallelen, besonders aus Kilikien, kaum um etwas 160 Florian Haymann Sporn an den Abschnitt stofk. Links von ihm die Stadtgottin mit Fiillhorn und Mauerkrone, den verschleierten Kopf ihm zugewandt; von ihrem rech- ten Arm hangen Bander herab. Der Kaiser iiberreicht der ,Aigeai' einen Gegenstand. Die Jahresangabe erlaubt eine Datierung zwischen November 215 und November 216. Zunachst sei festgehalten, dass die Legende aufiergewohnlich ausfiihrlich ist: Aigeai nennt sich severianisch, Antoninoupolis, makedonisch, wohl- geboren und - vermutlich - Flottenstiitzpunkt. Auf dieser Miinze allein erscheinen also samtliche Titel, die von Caracalla bis zum Jahr der Pra- gung vergeben worden sind. Dies und die Reversdarstellung heben sie klar aus den bisher bekannten Miinzen heraus. Was hier gezeigt wird, ist eindeutig: Der Kaiser entsteigt dem Schiff, um die Stadt zu ehren. Damit ist ausgeschlossen, dass sich die Darstellung auf eine Durchreise im Som- mer 215 bezieht, die ja von Land aus erfolgt ware. In Verbindung mit der Jahresangabe 215/216 wird klar, dass hier nur ein Besuch im Friihjahr 216 gemeint sein kann, der ja von Antiocheia erfolgt sein muss. Schliefilich bestand die strategische Bedeutung von Aigeai darin, der Briickenkopf von Kilikien nach Syrien zu sein, da man von dort den Hafen von Seleukeia direkt ansteuern konnte. Trotz der guten Erhaltung der Miinze ist eine sichere Identifizierung des Geschenks schwierig.61 Hier helfen nur Vergleiche weiter. Es konnte sich um eine Miniaturbiiste handeln, wie wir sie von etwa zeitgleich gepragten sidetischen Miinzen kennen.62 Dagegen sprechen allerdings die im Ver- anderes handeln. Auf den kleinasiatischen Stadtpragungen aus diesen Jahren tragt Cara- calla - ebenso wie auf den Reichsmiinzen - sehr haufig ein Parazonium mit aufgerich- teter Klinge (die Zeugnisse versammelt Ziegler 2003, S. 131, Taf. 13-14). Auf den romi- schen Miinzen tragen es vor Caracalla fast ausschliefilich die Personifikationen der Virtus und der Roma auf diese Weise (gewohnlicherweise wird dieses Kurzschwert am Giirtel getragen [das Verb naQa^u)vvv<o/xa.Qa'Q(bvvv\ii, „an den Giirtel hangen", „an der Seite angiirten", ist mehrfach belegt, s. F. Passow, Handworterbuch der griechischen Sprache, Bd. 2, 1, Leipzig 18525. Neu bearbeitet und zeitgemafi umgestaltet von V. Ch. F. Rost und F. Palm, Darmstadt 2004, S.681]). Ziegler 2003, S. 120ff. fiihrt die Darstellungen aus Tarsos, die den Kaiser zudem mit Speer zeigen, auf den statuarischen Typ des „Alexan- ders von Magnesia" zuriick und sieht darin einen Beleg fur eine imitatio Alexandri. Doch scheint es so, als stelle allein das Tragen dieser Waffe (ohne Speer in der Rechten) auf diese Weise einen bewussten Riickgriff auf Alexander dar. 61 Bloesch vermerkt in seinen Aufzeichnungen, dass es sich um das Licht eines Leuchtturms handeln konne. Dies ist eine sehr ansprechende Idee, da sogleich im folgenden Jahr 217/ 218 der Pharos auf den Miinzen gezeigt wird (SNG Paris 2344). Jedoch ist nicht zu verhehlen, dass diese Idee aus dieser Beobachtung heraus geboren wurde und sich schwerlich ein Vergleichsbeispiel finden lassen wird. 62 J. Nolle, Side, zur Geschichte einer kleinasiatischen Stadt in der romischen Kaiserzeit im Spiegel ihrer Miinzen, AW 21, 1990, S. 244-265, hier S. 252, Nr. 60-61, von dems., Epigraphische und numismatische Notizen, EA 10, 1987, S. 101-106, Taf. 9, hier S. 104- 105 gemeinsam mit einem ahnlichen Motiv aus Tarsos (z.B. SNG Levante 1069: Apoll Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 161 gleich dazu deutlich geringere Grofie sowie der obere Abschluss des Gegenstands in Form eines Querbalkens. Nicht auszuschliefien ist schliefilich, dass der Kaiser der Stadt das Modell des Leuchtturms iiber- reicht, der bereits auf den Miinzen des folgenden Jahres erscheint (vgl. Abb. 7). In diesem Fall miisste man sich unterhalb des Leuchtturms einen Felssockel vorstellen. Mit dieser Miinze liegt nun der lange uberfallige Beweis vor, dass Caracalla tatsachlich einen adventus in Aigeai feierte - allerdings im Friih- jahr 216 und nicht, wie meist angenommen, ein Dreivierteljahr friiher. Ein Besuch zum fruheren Zeitpunkt ist jedoch nicht auszuschliefien, denn schliefilich wurden grofie Teile der Heereslogistik iiber Aigeai abgewik- kelt, und der direkte Weg von Kilikien nach Syrien fiihrt zwingend iiber die Hafenstadt.63 Jedenfalls zeigt die Miinzpragung von Aigeai - so, wie wir sie bis jetzt kennen -, dass der Besuch des Jahres 216 der bedeutendere war. Dieser war es erst, der eine zweijahrige Silbermunzenpragung in Gang setzte sowie wenigstens einen neuen Stadttitel einbrachte. Abb. 7 Bronze, Aigeai, Jahr 217/218. SNG Paris 2344 5. Schlussbetrachtung Die Geschehnisse um Caracalla markieren einen wichtigen Einschnitt in der Stadtgeschichte von Aigeai, das in den folgenden Jahrzehnten regel- maftig in die Parther- bzw. Sassanidenfeldziige involviert wurde. Im Ge- und Herakles halten eine Miniaturbiiste) als Empfang der goldenen oder vergoldeten kaiserlichen imago interpretiert (s. auch dens., AW 21, 1990, S. 255). Fur die tarsische Miinze iiberzeugt allerdings Zieglers korrigierte Deutung als Portrat Caracallas als stadtischer Demiurg mehr (ders., Die Polis in der romischen Kaiserzeit. Selbstdarstellung und Rangstreitigkeiten, in: G. Hodl / J. Grabmayer [Hrsg.], Leben in der Stadt. Gestern - heute - morgen. 3. St. Veiter Historikergesprache, Wien/Koln/Weimar 1995, S. 83-106, hier S. 99 Anm. 10), da die Biiste den Kaiser wohl im Demiurgengewand zeigt. 63 S.Anm. 15. 162 Florian Haymann genzug wurde es mit einer Neokorie (unter Severus Alexander),64 zahlrei- chen Kaiserbesuchen und schlieftlich (unter Valerian)65 mit einem heiligen Agon zu Ehren des Asklepios belohnt. Das Beispiel von Aigeai zeigt, wie eine Stadt in strategisch wichtiger Stellung zum persischen Dauergegner des 3. Jahrhunderts besondere Zu- wendungen von Rom erfuhr: Der Hafen wurde weiter ausgebaut, so dass schon 217/218 auf Munzen ein Leuchtturm gezeigt wird.66 Die Anlage weiterer militarischer Bauten ging sicher damit einher. Zugleich erfuhr der Asklepioskult besondere Zuwendung durch verschiedene Kaiser bis zu Valerian und Gallienus.67 Zweifellos schmeichelte das den Biirgern der Stadt und liefi uber manche Zumutung hinwegsehen. Die Ernsthaftigkeit jedoch, mit der die spateren Kaiser das Amt des Asklepiospriesters iiber- nahmen, lasst darauf schliefien, dass man sich jeweils des Beistands des Heilgottes kurz vor Eroffnung der Feindseligkeiten versichern wollte. Diese Denkweise der Kaiser konnte hier fur Caracalla anhand der Munzen nachvollzogen werden. Dies wiederum wirft ein neues Licht auf den Heilgottglauben Caracallas, den besonders Cassius Dio als Beleg fur die angebliche Verriicktheit des Kaisers anfiihrt. Abgekiirzt zitierte Literatur Monographien, Beitrage Bloesch 1965 H. Bloesch, Caracalla in Aigeai, in: Congresso Internazio- nale di Numismatica, Roma, 11-16 settembre 1961, Bd. 2: Atti, Rom 1965, S. 307-312. Bloesch 1989 H. Bloesch, Erinnerungen an Aigeai, Winterthur 1989 (Ver- offentlichung des Miinzkabinetts Winterthur). Halfmann 1986 H. Halfmann, Itinera principum. Geschichte und Typologie der Kaiserreisen im Romischen Reich, Stuttgart 1986 (Hei- delberger althistorische Beitrage und epigraphische Studien 2). Robert 1973 L. Robert, De Cilicie a Messine et a Plymouth avec deux inscriptions grecques errantes, JS 1973, S. 161-211; ND: Opera minora selecta, Bd. 7, Amsterdam 1990, S. 225-275. Robert 1977 L. Robert, Deux inscriptions de Tarse et d'Argos. Docu- ments de l'Asie Mineure, BCH 101, 1977, S. 88-132. 64 Dazu vor allem Weifi 1982. 65 Ziegler 1985, S. 86-87. 66 SNG Paris 2344. Das macht die Gewahrung des vauaoxig-Titels bereits unter Caracalla umso wahrscheinlicher. 67 Dazu und zum Fortleben und Wandel des Kultes: Ziegler 1994. Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 163 Sayar 2004 M. H. Sayar, Inschriften, in: K. Ehling - D. Pohl - M. H. Sayar, Kulturbegegnung in einem Briickenland. Gottheiten und Kulte als Indikatoren von Akkulturationsprozessen im Ebenen Kilikien, hrsg. von M. Meyer und R. Ziegler, Bonn 2004 (Asia Minor Studien 53), S. 221-259. Weifi 1982 P. Weift, Ein Altar fur Gordian III., die alteren Gordiane und die Severer aus Aigeai (Kilikien), Chiron 12, 1982, S. 191- 205. Ziegler 1977 R. Ziegler, Miinzen Kilikiens als Zeugnis kaiserlicher Ge- treidespenden, JNG 27, 1977, S. 29-67. Ziegler 1985 R. Ziegler, Stadtisches Prestige und kaiserliche Politik. Stu- dien zum Festwesen in Ostkilikien im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., Diisseldorf 1985 (Kultur und Erkenntnis 2). Ziegler 1993 R. Ziegler, Kaiser, Heer und stadtisches Geld. Untersuchun- gen zur Munzpragung von Anazarbos und anderer ostkili- kischer Stadte, Wien 1993 (Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse. Denk- schriften 234; Tituli Asiae Minoris. Erganzungsbande 16). Ziegler 1994 R. Ziegler, Aigeai, der Asklepioskult, das Kaiserhaus der Decier und das Christentum, Tyche 9, 1994, S. 187-212. Ziegler 2003 R. Ziegler, Caracalla, Alexander der Grofie und das Presti- gedenken kilikischer Stadte, in: G. Heedemann - E. Winter (Hrsg.), Neue Forschungen zur Religionsgeschichte Klein- asiens, Bonn 2003 (Asia Minor Studien 49), S. 115-131. Ziegler 2005 R. Ziegler, Der Perseus-Mythos im Prestigedenken kaiser- zeitlicher stadtischer Eliten Kilikiens, in: R. von Haehling (Hrsg.), Griechische Mythologie und fruhes Christentum, Darmstadt 2005, S. 85-105. Corpora, Editionen IdC G. Dagron - D. Feissel, Inscriptions de Cilicie, Paris 1987 (Travaux et Memoires du Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance, College de France. Monographies 4). IvAnazarbos M. H. Sayar (Hrsg.), Die Inschriften von Anazarbos und Umgebung, Teil 1: Inschriften aus dem Stadtgebiet und der nachsten Umgebung der Stadt, Bonn 2000 (Inschriften grie- chischer Stadte aus Kleinasien 56). IvEph H. Engelmann - D. Knibbe - R. Merkelbach (Hrsg.), Die Inschriften von Ephesos,Teil 3: Nr. 600-1000 (Repertorium), Bonn 1980 (Inschriften griechischer Stadte aus Kleinasien 13). 164 FlorianHaymann Lindgren 1993 H. C. Lindgren, Ancient bronze coins of Asia Minor and the Levant from the Lindgren Collection, Bd. 3, San Mateo 1993. Prieur 2000 Michel Prieur - Karin Prieur, A type corpus of the Syro- Phoenician tetradrachms and their fractions from 57 BC to AD 253, Lancaster/London 2000. SNG Aulock Sylloge Nummorum Graecorum Deutschland. Sammlung v. Aulock, 13: Kilikien, Berlin 1966; 14: Galatien, Kappado- kien, kaiserzeitliche Kistophoren, posthume Lysimachus- und Alexander-Tetradrachmen, Incerti, Berlin 1967. SNG Levante Sylloge Nummorum Graecorum Switzerland I: Levante - Cilicia, Bern 1986. SNG Levante Sylloge Nummorum Graecorum Switzerland I: Levante - Suppl. Cilicia, Supplement 1, Zurich 1993. SNG Paris Sylloge Nummorum Graecorum France 2: Cabinet des Me- dailles, Cilicie, Paris/Zurich 1993. SNG Pfalz Sylloge Nummorum Graecorum Deutschland. Pfalzer Pri- vatsammlungen, 6: Isaurien und Kilikien, Miinchen 2001. Kataloge des Miinzhandels Gorny & Mosch G. Hirsch Kastner M & M The New York Sale Gorny & Mosch, Giessener Miinzhandlung, Miinchen (Die- ter Gorny - Dr. Hans-Christoph von Mosch). Miinzenhandlung Gerhard Hirsch Nachfolger, Miinchen (Dr. Francisca Bernheimer). Miinzenhandlung Gitta Kastner, Miinchen (Gitta Kanein- Kastner). Miinzen & Medaillen, Weil am Rhein (Joachim Stollhoff) - Matthias Flores Miinzhandel, Krefeld (Matthias Flores). Baldwin's Auctions, London - Dmitry Markov, Coins & Medals, New York - M & M Numismatics, Washington, The New York Sale. In conjunction with The New York International Numismatic Convention. Caracalla in Aigeai: ein neues Tetradrachmon 165 Abbildungsnachweis: Abb. t: M & M 22, 24.5.2007, Nr. 1298. Photo: Liibke & Wiedemann, Stuttgart Abb. 2: Berlin, Miinzkabinett der Staatlichen Museen, 19444. Photo: Reinhard Saczewski Abb. 3: Miinchen, Staatliche Miinzsammlung Munchen, Acc. Nr. 63839. Photo: Nicolai Kastner Abb. 4: The New York Sale 14, 10.1.2007, Nr. 167. Photo: Liibke & Wiedemann, Stuttgart Abb. 5: New York, American Numismatic Society, 1944.100.53024 Abb. 6: New York, American Numismatic Society, 1973.191.97. - Detailaufnahme des Winterthurer Gipsabgusses (Bildbearbeitung: Nicolai Kastner) Abb. 7: G. Hirsch 256, 5.5.2008, Nr. 576 Abb. 1-7: M. 1:1 Zusammenfassung: Nach einer Schilderung des Nahverhaltnisses der severischen Dynastie zur kilikischen Hafenstadt Aigeai wird das Itinerar Caracallas der Jahre 215 und 216 auf einen Besuch in Aigeai hin uberpriift. Ein Besuch ist nicht nachzuweisen. Vorstellung eines neuen, pseudo- autonomen Billontetradrachmons, gepragt zwischen November 216 und April 217. In Verbindung mit einer Bronzemunze aus dem vorherigen Jahr, die eine Beschenkungsszene darstellt, kann ein Besuch Caracallas fur das Fruhjahr 216 wahrscheinlich gemacht werden. Summary: The Severan emperors had a close relationship with the Cilician seaport Aegeae. Never- theless, a visit of Caracalla on his Parthian campaign in 215 could not yet be proved - although this assumption has generally been accepted by scholars. A new pseudoautono- mous tetradrachm, struck between November 216 and April 217, is introduced. In connec- tion with a previously unpublished bronze, depicting a donation of the city, an imperial visit in spring 216 is rendered plausible.
x

Log In

or reset password

Reset Password

Enter the email address you signed up with, and we'll send a reset password email to that address

Academia © 2012